ART-BRUT | 65 KM - 1'000 HM

Der erste Tag steht – was das Graveln betrifft – ganz im Zeichen sogenannt «brutalistischer» Bauten: der Markthalle (liegt zwar nicht direkt auf der Route, ist aber nur einen Steinwurf vom Bahnhof SBB entfernt), dem neuen Kunstmuseum, dem Theater Basel, der Antoniuskirche, dem Silo Erlenmatt, der Maurerhalle, dem Chrischona-Turm und dem Goetheanum. Wir müssen dabei gestehen: Es ist weder tiefes Fachwissen noch ein vorgespieltes Architekturinteresse, das uns zu diesen Gebäuden zieht. Aber echtes Staunen.

Die Wucht, die Präsenz, die Eigenart dieser Bauten machen Eindruck. Und sie fügen sich auf unserer Karte zu einer zwar krummen, aber schönen Acht – quer durch Basel und hinaus in die umliegende Landschaft. Da wir in der – ebenfalls architektonisch interessanten – Jugendherberge übernachten, beginnt und endet die Etappe sehr zentral. Kunstmuseum und Theater nehmen wir auf dem Weg durch die Stadt quasi „en passant“ mit. Nach dem Spalentor steigen wir bei der Antoniuskirche zum ersten Mal vom Rad.

Wegen der hohen Bäume an der Kannenfeldstrasse sieht man den eindrucksvollen Turm zunächst kaum – und auch sonst deutet wenig auf das Besondere hin. Doch die von Karl Moser entworfene Kirche St. Anton ist alles, nur kein klassisches Gotteshaus. Keine Türmchen, keine Ornamente, kein Kitsch – stattdessen: roher Beton, klare Linien, ein Bau, der eher an eine Fabrik erinnert. 1927 sprach man wahlweise von einem „Silo für Seelen“ oder einer „Kathedrale der Moderne“. Wahrscheinlich trifft beides zu.

Ob eher Silo oder Kathedrale – das diskutieren wir beim nächsten Halt im Bäckerei-Kaffee Kult. Danach geht’s über den (werktags öffentlich zugänglichen) Novartis-Campus: Beton trifft Campusatmosphäre, Wissenschaft auf Stadtgeometrie. Unsere Runde führt weiter via Dreirosenbrücke – hier wirkt Basel richtig urban – Richtung Wiese und in den Erlenmattpark zum nächsten Betonklotz: dem «Silo Design Hostel». Danach rollen wir noch über die Messe zur Maurerhalle, die auf dem Gelände der Kunstgewerbeschule steht und aussieht wie gefaltetes Beton-Origami.

Nach so viel Stadt dann aber doch endlich Gravel: Am Badischen Bahnhof vorbei und entlang des Hörnlifriedhofs geht es hinauf zur Chrischona. Die Strecke ist ein willkommener Kontrast zum dichten Stadtraum, oben angekommen empfängt uns die kleine Siedlung rund um die Stiftung Chrischona – auf 500 Metern gelegen mit Panoramablick über den Jura, bis zu den Alpen. Gleich daneben steht der markante Fernsehturm: 250 Meter hoch, 1984 fertiggestellt, galt er damals als modernster Fernsehturm Europas. Und ja – technisch zweifellos funktional, aber vor allem auch: ein Wahrzeichen.

Unsere Abfahrt ist ruppig: Wer keine engen Singletrails mag oder ungern schiebt, folgt hier besser dem breiteren Waldweg als dem GPX-Track. Nach der Überquerung des Rheins beim Kraftwerk Augst tauchen wir langsam wieder in den Siedlungsraum ein. Die nicht besonders sehenswerten nächsten 15 Minuten bis Muttenz fahren wir zügig – dort gibt’s unter schattigen Bäumen Sandwiches und Apfelwähe von der Bäckerei Ziegler.

Dann folgen wir dem Wald und der Birs nach Arlesheim und Dornach. Kurz vor dem eigentlichen Anstieg zum Gempenturm besuchen wir unseren letzten Betontempel: das Goetheanum, entworfen von Rudolf Steiner – anthroposophischer Hauptsitz, gebaut aus Sichtbeton, kuppelförmig, monumental. Heartbrut.com bringt es auf den Punkt: „Ein monolithisches Statement – ohne klare Dachkante, aber mit maximaler Präsenz im Jura-Landschaftsbild.“ Treffend.

Ein paar letzte Höhenmeter warten noch – oben gibt’s dafür einen 180°-Blick über Basel, Jura, Schwarzwald und Vogesen. Und als Belohnung einen ausgedehnten Downhill: teils auf den offiziellen, auch mit dem Gravelbike gut fahrbaren Gempen-Mountainbike-Trails, teils über breite und wenig befahrene Asphaltstraßen.

Wieder unten an der Birs rollen wir vorbei am Trainingsgelände des FC Basel (Shaqiri war leider in den Ferien), am St. Jakob-Stadion und dem gleichnamigen Freibad zurück ins St. Alban-Quartier. Wir feiern den ersten Graveltag mit einem alkoholfreien Bier in der Rhybadi Breite – das ist nicht nur ein Bad, sondern auch eine Bar. Perfekter Abschluss. Beton, Blicke, Buvette. Und ziemlich viel Basel im Kopf.

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